Tag 7: „Was dagegen, wenn wir kiffen?“

Als ich vorhin das Video aufgenommen habe, war ich noch euphorisiert (nein, nicht bekifft). Nun erfahre ich, dass Christoph Schliingensief gestorben ist. Das ist traurig und ein Schlag für die deutsche Kulturszene. Soviel Anarchismus ist nie wieder.

Vielleicht hätte Schlingensief am zweiten Teil meiner heutigen Etappe in die Nähe der litauischen Grenze seine Freude gehabt, wieder einmal wird ein typisches Klischee erfüllt. Einem Romanautoren würde das der Lektor mit der Begründung „zu abgegriffen und unrealistisch“ rausstreichen.

Der heutige Tag gliederte sich eigentlich in drei Teile. Bis Mittag war ich in Warschau mit Straßenbahn und Bus unterwegs, um auf die Schnellstraße Richtung Nordosten zu gelangen. Dabei fuhr ich einmal mit der Tram in die falsche Richtung, dann mit dem Bus zu weit. Am Ende stand ich um kurz vor 13 Uhr an der Straße.

Was an der Stadtgrenze von Warschau passiert, bleibt auch an der Stadtgrenze von Warschau (CC, Attr-Share-Alike)

Doch wieder einmal werde ich vom Glück geküsst: Mit Mariusz und Lukasz nehmen mich zwei angenehme Zeitgenossen nacheinander mit. Beide fahren übers Wochenende zu ihren Eltern, und beide helfen mir, wo sie können, zeigen mir auf der Karte Alternativnummern, Mariusz gibt mir sogar seine Telefonnummer, falls ich in Polen Ärger bekommen sollte.

Im Laufe der Fahrten werden wir jedoch immer stiller, da die Landschaft Richtung Masuren immer sehenswerter wird. Nicht unbedingt spektakulär wie in Österreich oder Slowenien, sogar ein bisschen chaotisch reihen sich Felder, Bäume, Waldstücke und Häuser aneinander. Zwischendurch wird die Walderfahrung ein bisschen bizarr, als am Straßenrand Menschen Waldfrüchte und Pfifferlinge, wenige Meter weiter Frauen vereinzelt ihren Körper anbieten.

Und trotzdem ist es eigenartig schön, friedvoll, fast ein fahrendes Gemälde: Die kunstvoll gebauten Storchennester auf Telefonmasten, das Gelb der abgeernteten Getreidefelder, die Schilder, die vor Kühen warnen, eine alte Bauersfrau, der ihre Tochter aus dem Auto hilft. Es ist vielleicht die friedvollste Fahrt bislang, ich bin nicht auf der Straße, um an ein Ziel zu gelangen, sondern einfach um zu sein. Lukasz, der Feuerwehrmann ist, hat den Soundtrack zum Dylan-Film „I am not there“ eingelegt, und ich bin da, hier im Jetzt.

Unscheinbare Weiten (CC, Attr-Share-Alike)

Er lässt mich an einer Haltebucht (die Straße ist weiterhin einspurig und wird es auch bleiben) raus, wo ein wettergegerbtes Bauernpaar Kartoffeln, Karotten und Pflaumen verkauft. Ich hole mir ein paar Pflaumen, gleichgültig wickelt die Frau den Kauf ab, während ihr Mann stoisch auf die Straße blickt und nur ab und zu eine Pflaume in den Mund schiebt und sie geräuschvoll zerkaut. Ich lege mich ein paar Minuten ins Gras am Straßenrand und blicke in den Himmel. Ohne Gedanken, den perfekten Samstag erlebend.

Er guckt, die Frau wartet hinter dem Wagen, um dann zu verkaufen (CC, Attr-Share-Alike)

Der pastorale Teil meiner Reise endet, als mich wenige später zwei Jungs mitnehmen. L. und S. Sind auf dem Weg nach Augustow, um zu feiern. L. ist etwas fleischiger, trägt seine kurzen Haare offen, während S. sie unter einer Baseballkappe versteckt, beide haben ihre Waden ziemlich volltätowiert. L. verwendet das polnische Schimpfwort „Kurva“ ungefähr in jedem achten Wort, S. in jedem Dritten. S. arbeitet in einer Druckfabrik, L. ist arbeitslos. „Die ganze Zeit frei“, sagt er anerkennend, ist aber wohl selber nicht ganz begeistert davon.

Ich sitze auf dem Rücksitz und wir plaudern, die Jungs haben mir zur Begrüßung gleich eine 0,5-Liter-Dose Red Bull in die Hand gedrückt.. L. übersetzt für S. und überbringt mir die frohe Botschaft: „Ist Dein glücklicher Tag heute“, sagt er grinsend, „wir haben beschlossen, nach Suwalki zu fahren.“ Und er ergänzt: „Hast Du was dagegen, wenn wir Marihuana rauchen?“

Boys will be boys (alle Rechte vorbehalten)

Die beiden holen eine kleine Pfeife heraus, mit der sie sich schnell ein paar Köpfe ziehen. Ich lehne dankend ab, könnte aber etwas Beruhigung gebrauchen: L.’s Überholmannöver lassen für Risiko-Liebhaber keine Wünsche offen, gefährlich nahe kommt uns so mancher LKW auf der Gegenfahrbahn. Plötzlich halten die beiden mit einer Vollbremsung an einer Tankstelle an. „Ich hol mir ne Sonnenbrille, hab meine vergessen“, sagt L., wird dann aber nicht fündig.

Die nächsten 80 Kilometer höre ich viele „Kurvas“, bekomme den Zustand des polnischen Boxsports erklärt und gucke aus dem Fenster, wo nun eher Gewerbegebiete dominieren. An die riskanten Überholmannöver habe ich mich inzwischen gewöhnt, und als wir um fünf nach Suwalki einfahren, dröhnt aus den Boxen in höllischer Lautstärke „Black or White“ von Michael Jackson, während wir drei mit einer Kippe in der Gosche bestens gelaunt mitwippen. Auch das ist das Tramperleben, Samstagabend in eine neue Stadt einfahren und keine Pläne und Sorgen zu haben. Am Ende tauschen wir Telefonnummern und die beiden verschwinden in eine Bar. Falls ich sie später wiedertreffen sollte, dürften sie mir einige Biere voraus haben.

Show me the way to the next Whiskey bar (all rights reserved)

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